![]() |
Informationen über das Universum in dem wir leben müssen |
1.
Das Auto
Seit Jahren
werden wir ahnungslosen Mitteleuropäer von Außerirdischen
überwacht
und bespitzelt - und zwar nur aus einem Grund: Weil die Jungs von den
anderen
Sternen sonst nicht sonderlich viel zu lachen haben. Man stelle sich
vor:
Da wuseln Millionen von Zweibeinern über einen ziemlich kleinen
Planeten
und behaupten halsstarrig, daß es das Nonplusultra ihrer
Entwicklung
wäre, mobil zu sein. Und dazu haben sie nun erstmal das Rad
erfunden;
um das herum wurde im Laufe der Zeit das " Auto" konstruiert - und
damit
das Ding auch zielgerichtet herumritten kann, kam dann noch die "
Straße"
dazu. Und seitdem rollen diese witzigen kleinen Wesen mit ihren Autos
kreuz
und quer über ihre Straßen und frönen ihrer
Mobilität,
was ja wiederum gleichbedeutend mit Fortschritt und menschlicher
Entwicklung
ist.
Aus diesem Zusammenspiel " Auto-Straße-Mensch" entstand dann auch tatsächlich etwas vollkommen neues, das dann wiederum " Stau" genannt wurde: Der Stau ist sozusagen der Endbestand der Mobilität - sozusagen die " ruhende, in-sich-gekehrte Bewegung". Sozusagen " Mobilität in der Meditation". Jedenfalls passiert in den Sommermonaten immer folgendes: Irgendwelche Stauexperten verkünden lauthals, daß man sich an den und den Tagen besser nicht mit dem Automobil von A nach B oder gar nach Ypsilon bewegen sollte, zumindest dann nicht, wenn man ein Anhänglicher der beweglichen Mobilität ist. Aber das sind eben die wenigsten.
Auf jeden Fall zuckeln an genau den Tagen die Leute massenweise los - von A nach B und vor allen Dingen nach Ypsilon - und landen folgerichtig in dem versprochenen Stau - also in der " meditativen Mobilität". Und dann passiert das eigentlich lustige: Jeder einzelne Autofahrer, der in diesem großen Stau gelandet ist schüttelt den Kopf, zeigt mit dem Finger erst an die eigene Stirn und dann auf die anderen und fragt ich oder seinen Beifahrer, wieso die ganzen anderen Mobil-Menschen da eigentlich unterwegs sind - oder vielmehr nicht unterwegs sind. Schließlich sind sie doch alle von dem Stauexperten gründlich gewarnt worden. Und genau so etwas finden die Außerirdischen unglaublich lustig: Da schweben sie tagelang über unserem Planeten und amüsieren sich köstlich über die menschliche Mobilität, die sich selbst ausgebremst hat - was allerdings wiederum ein etwas trübes Licht auf den interstellaren Humor wirft. Andererseits ist natürlich auch klar, daß die kleinen grünen Männlein und Weiblein, die uns da umschwirren, nur ziemlich wenig mit Blondinen-Witzen anfangen können. Alsdann ... geben wir Gas!
1B. Ist das Auto ein Außerirdischer ?Das Auto
manipuliert
unsere Gedanken. Und wenn man das mal weiterdenkt, dann kommt man
unweigerlich
zu dem Schluß, daß das Auto eine unbekannte Lebensform ist,
die heimlich die Übernahme dieses Planeten plant, unter
symbiotischer
Einbeziehung des Menschen.
Während wir
- wie bescheuert - auf den Himmel starren und nach Untertassen und
kleinen
grünen Männchen Ausschau halten, könnte es uns komplett
engangen sein, daß sich die Außerirdischen längst
unter
uns befinden - oder zumindest ihre Spielzeuge, mit denen sie uns gefügig
machen wollen. Wenn uns Außerirdische tatsächlich
besuchen
sollten, dann werden sie uns um Lichtjahre voraus sein. Wenn wir
armseligen
Würmer - mit unserem albernen Halbwissen - ein Raumschiff ist
nächstbeste
Sonnensystem schicken würden, dann wäre es ein paar Hundert
Jahre
unterwegs. Ergo: Wenn da jemand heimlich im Orbit sein sollte, dann
verfügt
er über eine bessere Technik, als nur ein absturzsicheres
Betriebssystem
für seine Computer.
Es ist merkwürdig, daß praktisch an einem einzigen Punkt der Geschichte gleich so ein ganzer Satz merwürdiger Erfindungen auftauchten, die echte Massenphänomene wurden: Auto, Telefon, Kühlschrank und Glühbirne. Jahrhundertelang hatte man sich ohne diese Techniken durchgeschlagen und trotzdem so großartige Sachen wie den Kölner Dom oder Müllkippe von Turin konstruiert. Und man hatte das Auto dabei nicht einmal vermißt. Dann jedoch setzte irgendjemand die Idee in die Welt, daß jeder Mann und jede Frau unbedingt ein Auto haben müßten. Das ist doch verdächtig!
Wenn ich jetzt verkünden würde, daß unsere sog. Sendung plötzlich unbedingt eine regelmäßige Call-In-Hotline bräuchte, in der Zahnärzte die Probleme ihres Berufsstands diskutieren können - man würde mich doch für verrückt erklären. Die geneigte Hörerschaft würde doch sofort vermuten, daß der Geschwätzige Moderator unter einem unbekannten Einfluß steht ... oder wenigstens unter einem bekannten Einfluß. Und genauso war das auch mit dem Auto: 1860 hat noch kein Mensch überhaupt gewußt, was ein Auto sein könnte, geschweigedenn, daß man es braucht. Und nur 50 Jahre später propagierte ein Henry Ford die Serienproduktion.
Angenommen, ich wäre ein Außerirdischer und wäre über diese irgendwie sympathisch-beknackten Erdlinge gestolpert und ich hätte mir in den Kopf gesetzt, diesen ganzen Planeten zu übernehmen. Das wäre so im letzten Jahrhundert ziemlich schwierig gewesen - zum Beispiel weil einfach Landeplätze für meine Raumschiffe fehlen. Damals gab es noch keine Flughäfen, nicht einmal vernünftige Straßen waren da. Und weil ich ein gerissener Außerirdischer bin, denk ich doch gar nicht daran, mir selber die Hände schmutzig zu machen. Stattdessen lasse ich doch viel lieber diese lustigen Erdlinge geeignete Landeplätze erschließen. Also bring' ich sie auf die Idee, das Auto zu erfinden. Das ist genau das richtige Spielzeug für diese Erdbewohner. Und das Auto braucht Straßen, Parkplätze und Autobahnen - ideale Landeplätze für meine Invasionsflotte. Also wenn man's mal so betrachtet, dann macht plötzlich alles einen Sinn.Noch so ein ganz verdächtiges Indiz, daß dieses "Auto" nicht von dieser Welt stammt, ist seine Technik. Autos - die früher nur zum Rumfahren dienten - sind ja inzwischen hyper-sensible Maschinen geworden, die nicht mal mehr von den zuständigen Fachleuten durchschaut werden. Das heißt: sie entwickeln sich inzwischen schon ganz von alleine weiter, und bereits heute wissen viele Autobesitzer nicht mehr genau, wozu eigentlich all die vielen Knöpfe und Schalter dienen, die sich an ihrem Armaturenbrett befinden. Und für viele Funktionen gibt es inzwischen nicht mal mehr einen Knopf: Zum Beispiel der Airbag: Man kann nicht einmal überprüfen, ob dieses aufgeblasene Etwas wirklich nur der Sicherheit dient. Es wär doch ein leichtes, alle Airbags mit Schnarchgas zu füllen und auf ein geheimes Kommando gleichzeitig zu zünden. Der Autofahrer wird augenblicklich eingeschläfert, sinkt dabei auf ein weiches Ruhekissen und liest am nächsten Morgen verblüfft in der Zeitung, daß eine Telefongesellschaft von Sirius B diesen Planeten übernommen hat, um einen neuen vielversprechenden Markt zu erobern - und kein Mensch hat's überhaupt richtig gemerkt. Es muß natürlich keine Telefongesellschaft sein, es kann auch eine universelle Unterhaltungsfirma sein, die auf planetarer Ebene Späße mit versteckten Kameras dreht, und unsern gutgläubigen Planeten als ein besonders lustiges Opfer entdeckt hat.
2. Der SportEine unserer hausgezimmerten Definitionen lautet: je mehr Freizeit, desto mehr Kultur. Wer alle Hände voll damit zu tun hat, irgendwelche Wurzeln aus der Erde zu kratzen oder andauernd vor wildgewordenen Säbelzahntigern zu flüchten, findet kaum die Zeit Bilder zu malen; sich Gedanken über den Sinn des Lebens zu machen; endlose Runden durch ein Stadion zu traben - oder gar anderen dabei zuzusehen, wie sie endlose Runden durch ein Stadion traben.
Erst Menschen, die einfach zuviel Zeit haben, kommen auf solche verschrobenen Ideen, und da in den letzten Jahren der Freizeitzuwachs nicht gerade unerheblich war, wurden auch die Ideen immer bescheuerter. Früher begnügte man sich noch damit schneller zu rennen, weiter zu werfen oder kräftiger zuzuschlagen, als die Konkurrenz. Heute dagegen fährt man bereits mit dem Fahrrad von der Zugspitze, hockt wochenlang auf meterhohen Pfählen oder klettert mit verzücktem Augenschlag an 92stöckigen Wolkenkratzern hoch. Und komischerweise finden sich immer genug Begeisterte, die einen derartig spektakulären Schwachsinn begierig zur Kenntnis nehmen - und sei es mit der lautstarken Erkenntnis, daß es sich dabei vermutlich um " ziemlich spektakulären Schwachsinn" handelt.
Jedenfalls ist nie eine Kamera dabei,
wenn
jemand zum 200-Meter-Sprint mit zwei gut gefüllten
Plastiktüten
durch die überfüllte Fußgängerzone ansetzt, um den
18-Uhr-22-Bus noch zu erwischen. Keine Meute hechelnder Paparazzi
verfolgt
die rasende Irrfahrt des entnervten Familienvaters am Lenker eines kaum
steuerbaren Einkaufswagens, kurz vor Ladenschluß im Supermarkt.
Keine
blonden Grazien überreichen dem glücklichen Finder eines
Innenstadt-Parkplatzes
einen Siegeskranz. Und keine Mikrofone recken sich dem Arbeitnehmer
entgegen,
der es - trotz dreier Großbaustellen - geschafft hat,
pünktlich
am Arbeitsplatz zu erscheinen. Dafür jedoch hocken Millionen am
Fernsehgerät,
wenn so ein paar Lenkradhelden für nichts-und-wieder-nichts immer
im Kreis fahren, um am Ende genau da anzukommen, wo sie auch
losgefahren
sind. Und es wird sogar applaudiert, wenn es einem unschuldigen Pferd
gelingt,
über ein paar Stangen zu hoppeln, die irgendwer ihm in den Weg
gestellt
hat. Und wohlgemerkt: Den Preis und den Beifall kriegt der Reiter und
nicht
etwa das Pferd, das ohne seinen Chef vermutlich auch schlau genug
gewesen
wäre, einfach um diese albernen Stangen rumzulaufen. Und damit
wären
wir wieder mal bei der Frage: Werden wir von Außerirdischen
beobachtet? Wenn ja, dann müssen die Jungs in ihrem Raumschiff
sich
angesichts unserer sportlichen Meisterleistungen immer wieder fragen,
wie
diese Menschen eigentlich funktionieren - im Kopf.
Um wieviel aufregender muß es dagegen früher gewesen sein, als kein Mensch mit Gewißheit voraussagen konnte, ob es tatsächlich einen nächsten Tag geben würde. Allerdings hatte das natürlich auch seine Schattenseiten: Etliche frühe Kulturen dieses Planeten gingen daran zugrunde, daß irgendein blöder Prophet auf die Idee kam, daß man die ganze Nacht hindurch jammern, flehen oder singen müßte, um die verschwundene Sonne dazu zu bewegen, am nächsten Morgen wieder über den Horizont zu kriechen. Weil nun das komplette Volk die ganze Nacht mit beten, singen und opfern beschäftigt war, breitete sich schnell eine bleierne Müdigkeit aus. Und bei der nächstbesten Gelegenheit wurde die gesamte frühe Kultur von einem Volk überrannt, das sich nicht weiter um den Sonnenaufgang scherte und deshalb erheblich ausgeschlafener war. Das war dann womöglich auch der wirkliche Grund für das Aussterben der Dinosaurier: Irgendetwas brachte die armen Viecher womöglich um ihren Schlaf. Sie wanderten rastlos durch die dunklen Nächte des Karbon, fühlten sich am nächsten Morgen wie gerädert und wurden über kurz oder lang von den Säugetieren verdrängt, die die Fähigkeit besaßen, nachts zu schlafen und sich jeden Morgen wie neugeboren zu fühlen. Womit man mal wieder sieht, wohin Schlaflosigkeit führen kann. Ich gebe zu: das ist eine etwas verwegene Theorie, aber ich hab' auch schon schlimmere gehört. Und frei nach Sherlock Holmes, Dr. Stanislaus Lehmann, Liebknecht Schuster und Edward A. Murphy sollte man auch in der Evolutionsgeschichte die unwahrscheinlichen Lösungsvorschläge nie völlig ausschließen.
5. Die GravitationPrinzipiell ist die Badewanne eine genial-simple Erfindung mit maximalem Entspannungsfaktor. Allerdings darf man sich schon fragen, weshalb das allgemeine Badewannen-Design so vollkommen unbeleckt von jedweden ergonomischen Erkenntnissen geblieben ist. Sicherlich: Da gibt's auch Super-Luxus-Designerwannen, in denen sich wenigstens der Versuch erkennen läßt, das Warmwasser-Behältnis den Konturen des menschlichen Körpers anzupassen. Aber die Dinger sind glattweg unbezahlbar, und der Komfort-Gewinn hält sich dann doch sehr in Grenzen. Die gemeine Wanne jedenfalls ist nichts, als ein lächerlicher, langgestreckter Trog, aus einem naturgemäß, harten, kalten Material, in ihrer Form bestens dazu geeignet, einen Seesack zu ertränken oder einen Pizzateig für eine sehr große Party anzurühren. Daß ausgewachsene Menschen in so einem Ding eine angenehme Zeit verbringen wollen, scheint die Badewannen-Designer noch nicht erreicht zu haben; sie bleiben einfach stur bei ihrem ratlosen Grundmuster, das der nordamerikanischen Pferdetränke entlehnt wurde. Der gemeine Mitteleuropäer wird entweder seine Füße über den Rand baumeln lassen oder aber darauf verzichten auch mit dem Oberkörper in die warmen Fluten zu tauchen. Er wird sich in seiner Wanne nicht wohlig räkeln können und sich immer wieder die Frage stellen müssen, warum eigentlich ausgerechnet über den Knien das meiste Wasser zu sein scheint. Und dann noch der Ablauf-Stöpsel: Ganze Bücher könnte man damit füllen, wie die verschiedensten Körperteile immer wieder in verhängnisvollen Kontakt mit diesem Gummipfropfen und der dazugehörigen Kette geraten. Bücher, die unbedingt noch geschrieben werden müssen.
Aus naheliegenden Gründen ist der in der Wanne liegende Mitteleuropäer meist ebenso nackt wie hilflos. Und gewisse bösartige Faktoren im Universum nutzen genau diese Hilflosigkeit einfach immer aus. Zum Beispiel klingelt eigentlich immer das telefon, wenn man gerade in der Wanne sitzt; der Anrufbeantworter - (falls vorhanden) - ist in solchen Situationen natürlich grundsätzlich ausgeschaltet. Und das Telefonklingeln wird von mal zu mal lauter und dringlicher, aber eben nur, wenn man in der wanne sitzt. Falls man doch auf die blödsinnige Idee kommen sollte, den eigenen Alabasterkörper aus dem angenehm-warmen Naß zu hieven und auf glitschigen Füßen tropfend durch die Wohnung zu stiefeln, kann man sich darauf verlassen, daß das Klingeln in dem Moment aufhören wird, wenn man sich dem Telefon auf 15 Zentimeter genähert hat. Und es fängt wieder an, wenn man gerade wieder in der Wanne Platz genommen hat. Natürlich klingeln auch Postboten, verirrte Pizza-Lieferanten, Wanderprediger, Gerichtsvollzieher und vergeßliche Mitbewohner bevorzugt dann an der haustür, wenn man gerade ein Bad nimmt. Und selbst der eigene, ansonsten zuverlässige Verstand hat vor dem Baden bevorzugt seine gröbsten Aussetzer: Das Glas Schaumwein, das man in der Wanne kredenzen wollte, ist in der Küche stehen geblieben. Das Buch, mit dem man sich amüsieren wollte, liegt noch auf der Sitzgruppe im Wohnzimmer. Und wenn es eine Zeitschrift sein sollte, dann gleitet sie einem - aus unerfindlichen Gründen - ins Wasser, gerade nachdem man die ersten drei Zeilen gelesen hat. Mensch und Wasser vertragen sich eben einfach nicht.
8.
Der mobile Mitteleuropäer
Jetzt geht
das ganze Theater schon wieder los: Die Hälfte der Belegschaft
knallt
sich in irgendwelche fahrbaren oder fliegenden Untersätze und
braust
einfach - unter Angabe fadenscheiniger Gründe - davon. Das
heißt:
Von "Brausen" kann eigentlich gar nicht die Rede sein, denn die einen
stürzen
sich erst mal in jeden vorausschauend angekündigten Sommer-Stau
auf
den Straßen; und die anderen hocken in irgendwelchen Abflughallen
herum, gucken auf flimmernde Bildschirme und fragen sich, wo eigentlich
diese vielen Leute herkommen und wo sie hinwollen. Kurzum: Der
alljährliche
Wandertrieb des gemeinen Mitteleuropäers strebt wieder seinem
Höhepunkt
entgegen, und natürlich weiß kein Mensch genau, was ihn
eigentlich
dazu treibt, die Heimat so hektisch zu verlassen - ausgerechnet dann,
wenn
auch mal hier halbwegs erträgliche Temperaturen angesagt sind.
Komischerweise weiß ja auch jeder, was ihn erwartet: Die Flughäfen, Autobahnen und Intercity-Abteile platzen aus allen Nähten; ganze Inseln drohen wegen Überfüllung geschlossen zu werden; Stromnetze und Wasserversorgung brechen zusammen; Strandabschnitte müssen unter Einsatz der gesamten Verwandtschaft gegen unfreundliche Übernahmen verteidigt werden; nur lichtschutz-durchtränkte Hammer-Chemie kann vor den Einwirkungen der gnadenlosen Sonnenstrahlen schützen; tonnenweise Mückenmittel werden versprüht. Und hinterher werden wieder abertausende versuchen, ihren Reiseveranstalter vor den Kadi zu zerren, weil der Urlaub nicht das gehalten hat, was der Reiseprospekt versprochen hat.
Aber nächstes Jahr werden sie
wieder
wie die Lemminge losziehen und wieder Postkarten schreiben, auf denen
sie
die "armen Daheimgebliebenen" mit spöttischem Mitleid
überziehen.
Dabei haben's diese durchtriebenen Kreaturen ja sogar ganz gut
getroffen,
denn der große kollektive Betriebsausflug der urlaubshungrigen
Erholungssucher
verwandelt selbst die quirligsten Großstädte
vorübergehend
in einen fast idyllischen Ort der Ruhe und Entspannung. Jedenfalls
kriegt
man plötzlich selbst da einen Parkplatz, wo sonst noch nie was
freigewesen
ist.
Der berüchtigte Außerirdische
jedenfalls, der mit seinem UFO um den Globus gurkt und - zwecks exo-ethnologischer
Studien - das Verhalten der Eingeborenen Mitteleuropas beobachtet, wird
sich wieder mal am Kopf kratzen, und versucht sein, daß
Wörtchen
"intelligent" aus seinem Bericht über die irdischen Lebensformen
zu
streichen.
9.
Eine Welt ohne Werbung?
Es wird
Zeit,
daß die gesamte Wirtschaftstheorie neu geschrieben wird: Da
laufen
ja immer noch Leute durch's Gelände, die irgendwas von
geheimnisvollen
Zusammenhängen zwischen 'Kapital' und 'Arbeit' faseln; andere
behaupten,
daß bei uns die Lichter ausgehen würden, wenn der
Ölhahn
abgedreht würde; und wieder andere meinen, daß das ganze
Dilemma
irgendetwas mit kleinen, kunstvoll bedruckten Papierscheinen zu tun
hätte.
Aber das sind alles Nebensächlichkeiten, denn das, um was sich wirklich
alles dreht, ist Reklame. Egal ob man den Briefkasten öffnet oder
sich durchs Internet hangelt; egal ob man einen Spielfilm sehen
möchte
oder auf die Straßenbahn wartet: Überall ist Werbung drin,
drauf,
drunter und drüber. Inzwischen funktioniert nichts mehr ohne
Sponsoren,
ohne bunte Broschüren, Plakate oder blödsinnige Fernsehspots.
Man stelle sich vor, die Werbebranche
würde von einem Tag auf den anderen herausfinden, daß ihre
ganzen
Bemühungen eigentlich vergeblich sind - daß die ganzen
Milliarden
da vollkommen sinnlos rausgetan wurden; daß kein einziges
zusätzliches
Auto, kein Joghurt-Becher und keine Kopfschmerzpille mehr verkauft
wurden,
nur weil man eine unglaubliche Kohle in flotte Sprüche und windige
Kampagnen butterte. Man stelle sich vor, die Werbefuzzis stellen fest,
daß sie eigentlich nur allen auf die Nerven fallen und daß
sie jetzt auch genug verdient haben. Dann würden aber die Lichter
richtig ausgehen: Kein Spitzen-Sport mehr, keine überdachten
Plakatträger
an der Bushaltestelle; keine Jobs mehr für Zettelverteiler und
Werbeausträger;
die Häfte aller Zeitungen und Zeitschriften müßte
eingestellt
werden; Berge von Papier könnten nicht mehr bedruckt werden;
Radio,
Fernsehen, Internet, Telefon - alles würde zusammenbrechen. Selbst
im Kleiderschrank würde die Krise herrschen, denn inzwischen ist
es
sogar modern geworden, selbst den eigenen Körper kostenlos als
Werbefläche
für allerlei Markenartikel zur Verfügung zu stellen.
Es wäre schier unglaublich, was alles
passieren würde, wenn die Werbe-Industrie auf die verrückte
Idee
kommen würde, daß sie die Menschheit genug genervt hat. Ein
völlig neues Zeitalter würde beginnen! Aber das ist
natürlich
völliger Humbug - der Trend geht eher in die andere Richtung: Und
ich warte schon lange drauf, daß endlich auch das Space-Shuttle
und
die NATO-Panzer als Werbefläche entdeckt werden.
Ich frage
mich allerdings, warum unsere sogeannte Sendung noch immer keinen
Sponsoren
hat - dann nämlich könnten womöglich auch die goldenen
Zeiten
zurückkehren, in der auch diese sogenannte Sendung von einer
3658köpfigen
Pop-Team umsorgt wurde. Und die Möglichkeiten sind ja inzwischen
noch
erheblich größer geworden. Zum Beispiel könnte die
Wunderwelt
dann auch im PPP-(pay per Pop)Verfahren ausgetrahlt werden oder als
"Pop-On-Demand"
im Telefon ... "Rufen sie jetzt an!" - entweder für 18,20 DM die
Minute
oder kostenlos mit einer 20minütigen Werbeunterbrechung nach jedem
Musikstück. Ein neues Imperium könnte da entstehen, mit dem
zentralen
Pop-Shop, wo jede Ausgabe dieses dröhnenden Dingsbums wahlweise
als
CD, MD, DVD, DAT, POD oder BVG geordert werden kann.
Selbst die Pop-Rätsel gäbe es dann nicht mehr als Gewinnspiel, sondern die geneigte Hörerschaft müßte dafür zahlen, mitzuspielen. Gewinn-Anrechts-Rubbel-Glückslose gäbe es dann in jedem Bäckerei-Fachgeschäft. Und die Pop'schen Heimatseiten im Internetz wären dann natürlich auch von Werbe-Einfensterungen zugepflastert, und für zahlungsunwillige Nicht-Mitglieder im "Popwelt.de"-Club würde es dann natürlich auch nur so eine fadenscheinige Schnupper-Tour geben, die immer da aufhört, wo's wirklich interessant wird. Aber mein grundsolider Herr Abteilungsleiter läßt sowas einfach nicht zu. Ich weiß auch nicht genau warum ...
10. Abkochen für's MillenniumHoteliers und Reiseveranstalter auf dem
ganzen Globus müssen sich hohnlächelnd die Hände reiben,
denn wenigstens ihr ewiger Traum ist wahrgeworden: Endlich mal kann man
für die Besenkammer den Preis eines Luxus-Appartments verlangen,
und
für das Luxus-Appartment kassieren sie die Summe, die zu anderen
Zeiten
glatt als Kaufpreis durchgehen würde. Fluggesellschaften stecken
ohne
mit der Wimper das Doppelte ein, und setzen ihre
Möchtegern-Passagiere
dafür gerade mal auf die Warteliste. Kreuzfahrtschiffe machen mit
einer einzigen Fahrt mehr Kohle, als ein mittelgroßes Finanzamt
in
einem ganzen Jahr.
Es wird hemmungslos abgesahnt und die
Milleniums-süchtige Kundschaft läßt sich bereitwillig
und
glücklich-lächelnd übers Ohr hauen. Sogar die
Champagner-Farmer
haben schon mal deftige Preiserhöhungen angekündigt, und es
würde
mich nicht wundern, wenn auch die Luftschlangen-Hersteller und
Papp-Hütchen-Fabrikanten
gnadenlos zuschlagen würden.
Aber das kann's ja wohl noch nicht gewesen sein: Hinter den Kulissen meines Bäckerei-Fachgeschäftes munkelt man bereits über die Jahrtausend-Berliner (die anderswo selbstverständlich "Pfannkuchen" oder womöglich auch "Krapfen" heißen). Selbst schnödes Klump-Blei könnte zur Jahreswende zur lukrativen Geldanlage werden. In den Läden stehen bereits teure kleine Plastikteilchen, die die Sekunden bis zur Jahreswende herunterticken. Heerscharen von T-Shirts, Zahnbürsten und Feuerzeugen warten bereits auf ihren Einsatz.
Und irgendwo wird wahrscheinlich auch schon ein Zeltlager vorbereitet, wo man die letzte Nacht der Neunziger verbringen darf, ohne von irgendeinem Feuerwerkskörper belästigt zu werden. Ganz nach dem Motto: Schlafen sie ins Jahr 2000, ohne etwas zu merken. Und auch das wird dann seinen Preis haben - und was für einen!
Was dieses ganze Jahres-End-Spektakel anbelangt: Da wäre Tonga eigentlich die Adresse, denn auf der Suche nach einem geeigneten Motto ist nämlich König Taufa'ahau Tupo IV auf den Slogan "Das Land, in dem die Zeit beginnt" gekommen. Und flugs wurde eine eigene Zeitzone - nämlich die Tonga-Zeit - eingerichtet, die 13 Stunden vor Greenwich liegt.
Das wiederum hat die Jungs auf Kiribati, den Carolinen- und den Line-Islands wiederum unglaublich geärgert - also haben die noch eine ordentliche Delle in die Datumslinie schlagen lassen. Und so kriegen die jetzt als erste das Jahr 2000 ab, während auf den anderen Inseln ringsherum gerade erst der Silvester-Tag eingeläutet wird. Der König vonTonga wiederum war nicht gerade sehr erfreut , und nebenan - im französischen Polynesien - hat man ernsthaft drüber nachgedacht, noch mal eine Zeitzone draufzulegen und irgendeinen Sonntag zum Montag zu machen.
So wie's aussieht macht erstmal Kibribati das Rennen: 80 Minuten vor Tonga und 22 Minuten vor den neuseeländischen Chatham-Inseln wird dort die erste 2000er-Sonne aufgehen. Allerdings ist da dann auch noch Balleny Island - das liegt so weit südlich vor der Antarktis, daß die Sonne da schon kurz nach Mitternacht aufgeht - nochmal gute zwei Stunden vor Kibibati - nur leider ist Balleny Island eigentlich unbewohnt - aber mit Sicherheit werden da - zum Jahreswechsel - ein paar Schiffe vor Anker gehen - womöglich sind da sogar Fernsehteams mit an Bord, um den ersten Sonnenaufgang dieses albernen Jahres abzufilmen. Aber vielleicht regnet's ja ausgerechnet am dem Tag - würde mich glatt mit einer klammheimlichen Freude erfüllen.
Nachtrag
König Taufa'ahau Tupo IV hat jetzt noch mal einen nachgelegt: Er hat die Einführung einer speziellen Tonga-Sommerzeit veranlaßt. Das ist zwar absurd, denn seine Inseln liegen so dicht am Äquator, daß man da eigentlich nicht von "Sommer" oder "Winter" sprechen kann - aber es hilft um Kiribati auszustechen. Das heißt: vorläufig zumindest. Wenn die jetzt allerdings auch eine Sommerzeit aufmachen, muß der König sich was neues einfallen lassen. Das Rennen ist noch nicht beendet.
Ebensogut könnte man den ganzen Sommer über hochbezahlte Hamster zeigen, die dumpfsinnig durch ihr Laufrad traben und nur ab und zu zu irgendwelchen Doping-Kontrollen gestoppt werden. So ein Radfahrer muß einfach passen, wenn man ihn fragt, was für eine "Taktik" er anwendet oder was er unterwegs gesehen und erlebt hat. Da gibt es einfach nichts - nicht mal ein paar Fotos bringt so ein Radsport-Profi von seiner Tour mit. Dabei sind die Landschaftsaufnahmen immer noch das schönste bei diesen Tour-Übertragungen und man fragt sich gelegentlich, wieso eigentlich immer wieder diese blöden Pedal-Strampler eingeblendet werden.
12. LeichtathletenNein! Ich meine eher diese ganzen komischen Dingem, wo es um Rennen, Werfen und Hüpfen geht; wo irgendwelche leicht bekleideten Menschen schweißtriefend am Rande der Erschöpfung mit schmerzverzerrten Gesichtern durch die Gegend hecheln - womöglich noch in so einem sturzlanweiligen Stadion, wo es immer nur im Kreis rumgeht. Die Regeln dabei sind dermaßen simpel, daß es schon wehtut: Man muß einfach nur schneller sein oder weiter kommen - und all das spielt sich immer zwischen einem A und B ab. Alles, was dabei irgendwie Spaß machen könnte, ist streng verboten - etwa dem Konkurrenten mal ein Bein zu stellen oder eine Abkürzung über den Platz nehmen. Statt dessen bewegen sich diese Hochleistungs-Athleten immer nur in ihren peinlich-genau markierten Bahnen und wirken dabei genauso aufregend, wie dressierte Laborratten, die auf der Flucht vor den apokalyptischen Reitern sind. Intelligenz oder gar Taktik sind dabei nicht gefragt: Es geht allein darum, sich gnadenlos fertigzumachen, um dann mit letzter Kraft über die Ziellinie zu stolpern.
Aber während eine Laborratte wenigstens noch mit einem wirklich tollen Leckerbissen belohnt wird, kriegen diese dressierten Sportler nur so eine mickrige Medaille, für nicht mal in einem Bäckerei-Fachgeschäft als Zahlungsmittel akzeptiert wird. Oder - noch schlimmer: Sie bekommen ein ausgesucht häßliches Metall-Behältnis, das normale Menschen in den dunkelsten Winkeln ihres Dachbodens verstecken würden. Außerdem haben die Gewinner die Chance, demnächst noch mal über die Aschenbahn zu hecheln und sie tun sogar noch so, als würden sie sich darüber freuen. Aber auch das wär ja noch o.k. - manche Menschen haben ja auch Spaß dran, sich heißes Wachs in den Bauchnabel zu gießen - nur: Bei denen sitzen keine Hunderschaften auf den Rängen und applaudieren. Mit anderen Worten: Was sollen wir den Marsmenschen antworten, wenn sie uns fragen, was eigentlich so toll daran ist, komplett erschöpften Menschen zuzusehen, die im Kreis rumrennen? Ich weiß es nicht!
13.
Sind wir allein (im All)
Wo sind sie
- die Außerirdischen? Und was ist, wenn es sie gar nicht gibt?
Wenn
da niemand im Orbit kreist und sich unentwegt über die seltsamen
Rituale
der Mitteleuropäer bepfeift? Was ist, wenn da wirklich keiner ist,
der sich für unseren kleinen Planeten interessiert? Und was ist,
wenn
Einsteins Theorie endgültig stimmt, und sich wirklich nichts
schneller,
als mit Lichtgeschwindigkeit bewegen kann. Kein Hyper-Drive und kein
Warp-Antrieb.
Die Reise zu nächsten, halbwegs komfortablen Planeten dauert
etliche
Jahrzehnte. Und bei einem interstellaren Telefongespräch muß
man ein ganzes Jahrhundert warten, bis man eine Antwort bekommt.
Alle bekannten Regeln der Wissenschaft sagen, daß es genau so ist: Selbst wenn da irgendwo in den Weiten des Alls jemand sein sollte: Er wird uns einfach nicht besuchen können, und vielleicht auch gar nicht besuchen wollen. Wir sind komplett allein - hier draußen. Wenn wir etwas Glück haben, dann fangen wir irgendwann mal eine Jahrzehnte-alte Gameshow aus irgendeiner von riesigen Quallen bevölkerten Welt ein, und sagen „ah" und „oh" und „Sind die aber häßlich!" Und verstehen kein Wort und halten die Werbeunterbrechung wahrscheinlich für eine außerirdische Nachrichtensendung. Ein fuchtbarer Gedanke!
Wenn man sich einredet, daß es einfach ganz unmöglich ist, daß wir jemals einen Kontakt mit 'Aliens' haben können, weil das einfach nicht geht - dann wird diese Welt doch irgendwie ein Stück langweiliger: Nichts mehr mit „Science Fiction", keine Märchen von „außerirdischen Besuchern", aus für die Geschichte mit den Pyramiden des Mars. Und selbst diese sog. Sendung hätte dann keinen Spiegel mehr im Orbit, der es durchaus amüsant findet, wie der gemeine Mitteleuropäer seinen Müll trennt oder unglaublich lange Strohhalme in Eimern drapiert. Ganz ehrlich: Wir wären nicht mehr ganz wir selbst, ohne unsere Außerirdischen. Und wenn da keine sind, dann müssen wir sie erfinden.
14.
Wieso ausgerechnet Sonntag?
Angesichts
der glücklich aufgeflackerten Debatte über den Ladenschluss,
muß man sich die Frage stellen, was eigentlich so tolles an
diesem
Sonntag
ist.
Irgendwie ist er sicherlich 'kein tag wie jeder andere' - und das
hat jetzt nichts mit der Ausstrahlung unserer sogenannten Sendung zu
tun.
Andererseits ist auch der Montag kein Tag wie jeder andere -
und
auch nicht der Freitag, und erst recht nicht der Sonnabend.
Als "Tage wie alle anderen" bleiben eigentlich nur noch Dienstag und
Donnerstag
übrig
- die bestimmt nicht nur zufällig beide mit einem "D" beginnen.
Der Sonntag als solcher jedenfalls ist überhaupt nicht richtig erforscht: Wo kommt er her, wo geht er hin - und wieso wird ausgerechnet um den Sonntag so ein riesiges Theater gemacht. Wenn der Mittwoch wirklich in der Wochenmitte liegen soll, dann wäre der Sonntag der erste Tag der Woche, was aber ziemlich krass dem allgemeinen Empfinden widerspricht. Schließlich bildet der Sonntag - sozusagen - das zweite und letzte Kapitel des Wochenendes, was ja wohl bedeuten soll, daß die Woche irgendwie zu Ende ist. Also liegt der Mittwoch falsch - er müßte seinen Platz mit dem Donnerstag tauschen - oder aber einen neuen Namen kriegen, wie "Mittwoch, abzüglich der teilweise arbeitsfreien Tage des Wochendes". Das wäre zwar korrekt, aber irgendwie etwas unhandlich.
Abgesehen davon sind diese Namen ja sowieso Schall und Rauch. Genausowenig wie am Mittwoch die Woche mittet, blitzt es am Donnerstag. Und ausgerechnet am Sonntag regnet's eigentlich verdächtig oft. Mit anderen Worte: Die "Woche" ist ein reines Phantasieprodukt, das lediglich dadurch aufgewertet wird, dass gewisse Dinge eben genau wöchentlich passieren, wie beispielsweise das Erscheinen einer Wochenzeitung. Ansonsten paßt die Woche nicht mal in den Kalender. Zwölf Monate ergeben noch - gerade so, mit Ach- und Krach - ein ganzes Jahr. Aber vier Wochen kommen nur äußerst selten auf einen kompletten Monat; nicht mal der Vollmond richtet sich nach diesem System. Die Woche als solche ist vollkommen unbrauchbar, der Sonntag ist eine Illusion. Und die Sache mit den Sonntagszuschlägen erst Recht! Ganz besonders für geschwätzige Moderatoren! Aber nicht nur die arbeiten oft genug am Wochenende, sondern beispielsweise auch die Priester und ihre Assistenten. Und ich würde ja gern mal wissen, ob die eigentlich Feiertags-Zuschläge kriegen.
15.
Die Dienstleistungsgesellschaft
Angeblich
bewegen wir uns unweigerlich auf das Zeitalter der
"Dienstleistungs-Gesellschaft"
zu, und es wird Zeit, diesen merkwürdigen Begriff mal mit etwas
Inhalt
zu füllen. "Gesellschaft" ist ja noch ganz einfach, aber wer ist
überhaupt
eine "Dienstleistung"? Wer leistet da Dienst? Oder genauer: Muß
man
seinen Wehrdienst leisten oder gibt es auch Dienstleitungs-Verweigerer?
Welche Gewährleistung bietet dieser Dienst und was bringt das dem
Kunden? Kundendienst wahrscheinlich, und da geht das Dilemma los.
Der Kunde ist bekanntermaßen der Sand im Getriebe der modernen Wirtschaft. Er stört einfach, bringt alles durcheinander, nervt grundlos mit Fragen und verweigert neuerdings sogar die Bar-Zahlung. Um trotz der nichtsnutzigen Kundschaft wenigstens ein bißchen Arbeit erledigt zu bekommen, wurde in den letzten Jahrzehnten ein ausgeklügeltes System entwickelt, mit dem das überzogene Anspruchsdenken der Verbraucher in Grenzen gehalten wurde. Wenn man hundert mal den Satz gehört hat "dafür bin ich gar nicht zuständig", dann verkneift man sich vielleicht beim hundert-und-ersten mal diese Frage und macht sich selbst auf die Suche nach den Zahnstochern im Sonderangebot. Entweder man findet sie auch ohne die Hilfe des gestreßten Fachpersonals. Oder aber man stellt fest, daß man eigentlich auch ohne Zahnstocher ganz gut leben kann. Diese Philosophie des "eigenverantwortlichen Kunden", der auch ohne fremde Hilfe durch seinen Supermarkt findet, hat eigentlich ganz gut funktioniert. Und insofern könnte man auf die Idee kommen, daß die verrückte Idee einer "Dienstleistungs-Gesellschaft" an den Pfeilern unserer Wirtschaft rüttelt. Aber: Weit gefehlt!
Es geht gar nicht darum, unselbständigen Kunden den Einkaufswagen vollzupacken, sondern nur um die Perfektionierung des alten Systems: Früher quatschte man einen gut beschäftigten Einzelhandels-Angestellten an, um abgewimmelt zu werden. Im Zeitalter der Dienstleistungs-Gesellschaft gibt es dafür eine Hotline. Da weiß man zwar auch nicht, wo die "Zahnstocher aus dem Sonderangebot" zu finden sind. Aber da heißt es dann nicht "dafür bin ich nicht zuständig", sondern "oh, ich wußte gar nicht, daß wir Zahnstocher im Sonderangebot haben!" Und so was ist eben Fortschritt und ein erster Schritt ins sonnige Land der modernen Dienstleistungs-Gesellschaft.
Natürlich ist mein Bäckerei-Tresen von dieser umwälzenden Entwicklung nicht ausgeschlossen: Neulich stand da eine Neue vor den - verblüffend gut - gefüllten Regalen: ganz allein und hoffnungslos überfordert, was vor allem daran lag, daß sie so ein bißchen Probleme hatte, das gewünschte Kastenbrot überhaupt zu orten. Da mußte man dann immer - so wie früher beim "Goldenen Schuß" - Kommandos geben: "Noch etwas weiter links, links, links, links - Stop - jetzt hörer. Und ... ja ...: Da isses!" So was hätte früher natürlich die lästerhafte Kunden-Frage provoziert "Sie sind wohl neu hier, was?" Aber nicht in der Ära der Dienstleistungs-Gesellschaft: Die neue Bäckerei- Fachverkäuferin trug nämlich einen unübersehbaren Blech-Knopf an ihrer Schürze, auf dem stand "Ich bin neu hier!", und zwischen den großen Buchstaben konnte man einige putzige Marienkäferchen erkennen.
Das war doch irgendwie sehr positiv, und danach - beim Gang durch den Supermarkt - hab' ich natürlich geguckt, ob das dortige Fachpersonal womöglich auch mit diesen aussagekräftigen Botschaften eines neuen Zeitalters geschmückt waren ... weiß ich ... da könnte doch dran draufstehen: "Bitte fragen sie mich nicht!" oder "Ich bin hier nur zur Aushilfe!" oder wenigstens "Sie dürfen hier einkaufen, aber quatschen sie mich nicht an!". Wie viele Mißverständnisse, wie viel Ärger könnte durch solche Ansteck-Knöpfe vermieden werden.
16. Die Talkshow-BegleitmusikÜbertroffen wird der Nerv-Faktor der Talkabend-Begleitmucke nur noch durch singende Kabarettisten. Früher mal gab's so eine Unterhaltungsform, die nannte sich Kabarett (das ist jetzt mit der Gattung "Blödel-Show" zusammengegangen und nennt sich "Comedy"). Jedenfalls war Kabarett ganz lustig - nur irgendwann - im Laufe ihrer Darbietung - wurden praktisch alle Kabarettisten von so einem unerklärlichen Wahn befallen und meinten dann, eine musikalische Einlage präsentieren zu müssen. Im schlimmsten Fall haben sie selbst gesungen. Und das war dann jedesmal der Moment, in dem man die Fernsehstube getrost für ein paar Minuten verlassen konnte. Das war, als ob man regelmäßig in die "Tagesschau" einen kleinen Entertainment-Block packen würde. (Einige - betont jugendliche - Abteilungsleiter im Fernsehen mögen das wiederum für eine begnadete Idee halten).
17.
Wenn Computerhersteller Herde bauen würden
Hat eigentlich schon irgendwer mal drauf
hingewiesen, dass gewöhnliche Elektroherde diesen albernen
Computern
um Längen überlegen sind? Oder im Klartext: Wenn ein Herd ein
Computer wäre, dann könnte man sich absolut nicht darauf
verlassen,
dass der Auflauf am Ende der Zubereitung immer noch im Ofen stehen
würde.
Man dürfte sowieso nur noch Nahrungsmittel auf diesem Herd
zubereiten,
die vom Hersteller ausdrücklich freigegeben wurden - und selbst
dann
sollte man nicht davon ausgehen, dass man am Ende eine warme Mahlzeit
hätte.
Allein das Öffnen der Ofenklappe würde wahrscheinlich schon
zum
Erlöschen der Garantie führen - und die Zubereitung von einer
Spaghettisauce würde erstmal mit der Frage beginnen: "Wollen
sie
das wirklich kochen? Ja/Nein/Abbrechen!"
Herde, die von Computerfabrikanten montiert werden, sind dann
möglicherweise
auch allergisch gegen Zwiebeln. Jeder Versuch, irgend etwas mit
Zwiebeln
zuzubereiten, würde unweigerlich zu einer allgemeinen
Schutzverletzung
führen. Man müsste dann den Herd 'neu hochfahren' und per
Hand
jeden Zwiebel-Schnipsel aus der Spaghetti-Sauce heraus fingern, bevor
man
weitermachen kann. Vielleicht hat der Herd aber auch etwas gegen
Oregano oder gegen Knoblauch. Aber das müsste man erstmal selber
heraus
finden, weil das Display einem immer nur sagt "Unbekannte falsche
Substanz
in Spaghettisauce auf Herdplatte 1. Substanz E/O 12.376. Mehr wissen?
Ja/Nein/Abbrechen!"
Und wenn man dann sagt "Mehr wissen!", dann verkündet der
Herd "Allgemeiner Fehler! Substanz in FFFG-73579 - GGH, Herd-Set,
WANG
BB1A0 External, Spaghetti-Error! Nudel-Setup-Menü 33447A-09-B-12;
Vitamin-Overflow detected! Mehr wissen? Ja/Nein/Abbrechen".
Sollte man man dimmer noch "Mehr wissen!" wollen, dann
kommt ein Stück Papier aus dem Backofen, auf dem steht: "Unbekannter
Spaghetti-Fehler. Bitte wenden sie sich an die Hotline Ihres
Herd-Herstellers!"
Und
danach geht gar nichts mehr und man muss wieder in den Keller gehen und
die Sicherung neu rein schrauben. Also im Klartext: Wenn die
Computer-Fabrikanten
Herde bauen würden, dann gäbe es bei uns nur noch kaltes
Buffet
und Kastenweißbrot - wenn denn welches da ist.